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GESCHICHTE DER SEIFE

KLEINE SEIFENKUNDE

KLEINE SEIFENKUNDE

Der Geruch ungewaschener Körper durchzog im Mittelalter alle Gebäude, und selbst die Mönche von Cluny, dem am besten ausgestatteten Kloster Europas, badeten nur vor Ostern und Weihnachten. Doch obwohl man damals noch wenig über den Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene und der Ausbreitung von Krankheiten wußte, tat man etwas für das körperliche Wohlbefinden und ein Minimum an Reinlichkeit. Auf dem Lande genügte oft ein Regenschauer, um den gröbsten Schmutz abzuspülen, aber als die Menschen in den Städten auf immer engerem Raum zusammenlebten, lernte man die Vorzüge von Sauberkeit in den Häusern zu schätzen.

Dem größten Teil der Menschen im Mittelalter war Seife ein bekannter Artikel, weniger zur Körperreinigung sondern vielmehr zum Waschen von Kleidung und zum Reinigen des Haushaltes. Parfümierte Seifen waren im Orient schon seit einigen hundert Jahren im Gebrauch und wurden vermutlich durch die heimkehrenden Kreuzfahrer mit nach Europa gebracht, wo sich die Seife zur Körperreinigung allmählich durchsetzte. In seiner »Historia naturalis«, berichtet Plinius, daß die Römer bis zur Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts die von den Galliern und Germanen ge- lieferten Seifenpomaden für modische Fri- suren verwendet haben. Seit 167 n. Chr. haben die Römer begonnen, die Seife als Reinigungsmittel zu verwenden.

Der damals in Rom tätige Arzt Galenos (ca. 130-200 n. Chr.) weiß nicht nur um die hygienische und kosmetische Verwendung der Seife, er pries sie auch als Medikament an. Um 385 n.Chr. erwähnte der Arzt Theodorus Priscianus erstmals das Handwerk der Seifensieder. Die Benützung »gallischer Seife« durch Kaiser Constans, im 7. Jahrhundert wirft die Frage auf ob es sich bei diesem Produkt noch um eine Herkunftsbezeichnung handelt oder bereits um eine Warenbezeichnung. Der im 7. Jahrhundert tätige Arzt Paulus von Ägina wußte bereits von der Möglichkeit, die Seifenlauge durch Zusatz von ungelöschtem Kalk zu kaustisieren und empfahl die Anwendung der Seife als spezifisches Heilmittel bei Behandlung der Elephantiasis. Im selben Jahrhundert war auch den Arabern die Kaustisierung der Seifenlauge mit Ätzkalk zur Erlangung einer festen Seife schon bekannt und es spricht vieles dafür, daß es sich um eine arabische Innovation handelt, weil im Islam die Lehre von der rituellen Reinheit Pflichtwaschungen durch Untertauchen in einem der öffentlichen Bäder vorsah. Der Besuch der Bäder gehörte zu den lebensnotwendigen Dingen, dort spielte sich ein nicht geringer Teil des öffentlichen und privaten Lebens ab.

Nach der Massage wurde dem Badenden mehrere Male mit der Seife der Kopf gewaschen, schließlich nach Herstellung eines Seifenschaums der ganze Körper mittels eines Palmfaserballens eingeseift. Die spätantike Seifenproduktion wurde von der largobardischen Hauptstadt Pavia von dienstverpflichteten Seifensiedern fortgeführt, die diesen Luxusartikel für die Bedürfnisse der gehobenen Gesellschaft herstellten. Venezianische Kaufleute haben die Seife erworben und anscheinend schon damals damit Handel getrieben. Der althochdeutsche Begriff seifa, seipha - altnordisch säpa, angelsächsisch säpe - hat die Bedeutung von zäher, fetter und tropfender Masse, es handelte sich offensichtlich um flüssige Seife (Schmierseife). Hingegen gehörte Seife in Stücken zu jenen Abgaben, die an den Hof Karl des Großen und seines Sohnes Ludwig geliefert werden mußten; nach dem »Capitulare dc villis« (785/800) war jeder Amtmann verpflichtet, zur Bewirtschaftung der Meierhöfe tüchtige Handwerker heranzuziehen, darunter auch Seifensieder. Im Hoch- und Spätmittelalter entwickelten sich einige Zentren der europäischen Seifenproduktion, vor allem vermittelten die Araber die Kunst des Seifensiedens an die Spanier.

Der arabische Alchemist Gabir ihn Haiyan der »Vater der Alchemie« weist in seinen Schriften wiederholt auf die Seife als Reinigungsmittel hin. Eine entscheidende Verbesserung brachte die Verwendung des Olivenöls und die Entdeckung, »daß man aus der Asche von Meerespflanzen der sogenannten Barilla eine Lauge gewinnen kann, die der Seife eine wertvolle Homogenität und eine feste Konsistenz zu geben vermochte«. Die wichtigsten Produktionsstätten waren seitdem in Alicante, Cartagena, Malaga, Sevilla und Valencia, die eine harte, weiße Seife mit angenehmen Geruch erzeugten, als Luxusgebrauchsartikel einer kleinen Oberschicht vorbehalten. Dieser »kastilischen« Seife erwuchs einerseits eine Konkurrenz in der Seifenindustrie von Marseille wobei die Berufsbezeichnung »Sabonier« um 1300 schon als Familienname geführt wird, andererseits im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts durch Venedig. Wenngleich in Marseille die Barilla eingeführt werden mußte, gelang durch den Anbau von Duftpflanzen die Herstellung einer qualitätsvollen Seife. Ihren Ruf verdankte die französische Seife ihrer Verwendung als Arzneimittel - Suppositorien »ex sapone gallico« - und als kosmetisches Mittel. Die Venezianer, die beim Seesieg von Askalon 1123 und ein Jahr später bei der Eroberung von Tyros den Kreuzrittern wertvolle Hilfe geleistet hatten, erhielten als Entgelt je ein Stadtviertel mit eigener Verwaltung in Akkon und Tyrus. Es bot sich Ihnen nunmehr die Möglichkeit, mit Gewürzen, Baumwolle, Seide und Zucker sowie mit den duftenden Seifenkugeln vor Damaskus Handel zu treiben und aus der Levante zu importieren. Zugleich ist ihnen durch arabische Arbeiter, die sie in ihren Werkstätten in den beiden Städten beschäftigten, das Geheimnis der Seifenerzeugung bekannt geworden. Nach 1200 begannen die Venezianer, eine eigene Seifenproduktion aufzubauen, nachdem sie zuvor das Problem der Rohstoffversorgung gelöst hatten: Sie schafften mit ihren Schiffen große Mengen von Olivenöl aus Apulien heran und aus Syrien importierten sie die Asche einer besonderen Strauchart, die einen 6 x so hohen Prozentsatz Soda enthieltDer Transport venezianischer Seife erfolgte auf unterschiedlichen Routen, und zwar über die Bündner Pässe, die »obere große Tirolerstraße« (Venedig, Reschen-Scheideck-Paß, Innsbruck, Augsburg, Donauwörth, Nürnberg) sowie die »untere Tauernstraße« (Venedig, Villach, Spittal, Radstätter Tauern, Salzburg, Nürnberg). Teilweise wurden die Seifenprodukte über Innsbruck, Memmingen, Ulm nach Frankfurt/Main und weiter bis Antwerpen verfrachtet. Auf der sogenannten »Italienstraße« (Venedig, Tarvis, Vil1ach, Friesach, Judenburg, Semmering, Wien) wurden Venedigerwaren, Kärntner Blei und steirisches Eisen und Eisenwaren verfrachtet. Die Gewinnspannen lagen in Wien unter Berücksichtigung der Fuhrlöhne und Mauten im Großhandel zwischen 5% und 22%, hingegen erzielten Krämer und Apotheker im Detailverkauf Gewinne, die teilweise mehr als das Vierfache betrugen 13 Anleitungen zum Seifensieden sind in Deutschland seit dem 14. Jahrhundert in Rezeptsammlungen überliefert; zumeist enthalten sie eine umständliche Beschreibung der einzelnen Arbeitsabläufe. Nach einem Rezept von 1389 sollte eine gute Seife mit Hilfe folgender Grundstoffe hergestellt werden: Verwendung von stark alkalischer Asche (weitasche, waydasche) aus Harthölzern, ungelöschtem Kalk und hartem Wasser. Ferner wurden Alaun, Unschlitt - Fett von einem Schafbock oder Schwein - Pottasche (Kaliumkarbonat) und ein wenig Olivenöl benötigt.


Nach dem Sieden wurde die Seifenlauge in einen mit Glasur überzogenen Topf gegossen und die abgekühlte Seifenmasse in eine mit Mehl aus zerstoßenen Schneckengehäusen bestreute Form (Model) geleert. Die Herstellung einer qualitätsvollen Seife aus Lauge ohne den üblichen Siedevorgang von oder mehr Stunden beschreibt ein Rezept aus dem 15. Jahrhundert. Entscheidend bei dieser Prozedur war das vier- bis fünfstündige Rühren der Grundmasse, bestehend aus 10 Pfund Lauge, 1 Pfund Olivenöl, 1 Pfund geschabter guter Seife. Nach dem Abfüllen in Tafelform wurde fingerbreit die »erste Lauge« darüber geleert und vier bis fünf Tage zum Erhärten der Seife stehen gelassen. Dem folgte ein vierzehntägiger Trocknungsprozeß. Die deutschen Seifensieder bemühten sich auch, arabische oder kastilische Seife unter der Bezeichnung »heidnische Seife« auf den Markt zu bringen. Die Produktion einer solchen festen wohlriechenden Seife wird ebenfalls dort, überliefert. Als Grundstoffe werden zwei Teile Asche, ein Teil Kalk erwähnt, beides mit Wasser übergossen und sodann ein Pfund Öl hinzugefügt und auf kleinem Feuer gekocht. Der Grundmasse wird geschabte weiße Seife hinzugefügt und die gesamte Masse in eine Schüssel gegeben, in der sich Rosenwasser und Bisam oder Gewürznelken befinden. Vor dem Erkalten wird die Masse geknetet und in kleine Formen gedrückt. Ein Rezept aus dem 15. Jahrhundert überliefert die Nachahmung einer »venezianischen Seife« unter Verwendung von Weinstein und Leinöl. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam es zu einer Spezialisierung der Seifenproduktion, wurden doch portionierte Seifenkugeln parfümiert mit Rosenwasser und Nelken - in einem anderen Rezept werden zusätzlich Majoran- und Lavendelpulver, Bisam und »spicenardiöl« als Ingredienzien erwähnt - zum Kopfwaschen von Fürsten und Herren hergestellt. Eine nicht unwesentliche Innovation war die Produktion von »balbierer kugelin«, eine Art von Rasierseife, die die bislang schmerzhafte Prozedur des Rasierens zwar wesentlich erleichterte, doch bei diesen »balbierer kugelin« war ebenso wie bei den Seifenkugeln zur Pflege der Haupthaare der soziale Aspekt entscheidend: Der Wohlgeruch erhöht das Ansehen der adeligen Person, hob diese von den meist übel riechenden Personen ab und unter-strich damit den sozialen Status; gleichzeitig wurde parfümiertes Haupthaar und wohlriechendes Gesicht nach der Rasur zur Oberschichtlichen sozialen Norm und als Gebot der Sauberkeit postuliert. Grundsätzlich unterlagen nur die sichtbaren Teile des Körpers dem Sauberkeitsbegriff; alle Ordensregeln sprechen davon, daß am Morgen Hände und Gesicht, in der übrigen Tageszeit vor dem Essen und nach dem Besuch der Latrine regelmäßig die Hände zu waschen sind. In adeligen Kreisen wurde diese Gepflogenheit übernommen und das Händewaschen war ein Gebot guter Sitten und gesellschaftlicher Umgangsformen; die große Zahl von Handwaschbecken in den Inventaren vornehmer Kreise läßt dies deutlich werden. In dem aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammenden Traktat »Liber dc ornatu mulierum secundum totum cQrpus« wird den Frauen, die Ihre Schönheit erhalten und vollkommen sein wollen, der Rat erteilt, das Gesicht mit warmen Wasser und französischer Seife zu waschen, sodann mit Kleienwasser zu reinigen und nach dem Abtrocknen mit Weinsteinöl einzureiben. Die Badehäuser des Mittelalters waren Stätten der Vergnügungen und Kristallisationspunkte des städtischen Lebens. Die körperliche Reinigung war demnach nicht der eigentliche Zweck des Badens, vielmehr waren die Badefreuden »Bestandteil einer festlichen Form von Geselligkeit, die von Zerstreuung, Verschwendung« und von mehr oder minder schweren Verstößen gegen Moral und Gesetz« begleitet waren. Der Begriff der Sauberkeit im Spätmittelalter betraf das häusliche Reinigen der Wäsche und den Weißheitsgrad der Hemden bei den Herren, den der Unterröcke bei den Damen.

Der Lordprior in Durkham ließ sich im 15. Jahrhundert aus Kastilien eine wohlriechende Seife zur Reinigung seiner Wäsche liefern und die Hofwäscherin der Herzogin Katharina von Sachsen, zweite Gemahlin Erzherzog Sigmunds von Tirol kaufte feine weiße Seife zum Waschen der weißen Unterröcke der adeligen Dame. Diese de-monstrativ zur Schau getragene Sauberkeit des späten 15. Jahrhunderts gilt den »Hüllen« des Körpers, ist Ausdruck feiner Umgangsformen und soll das äußere, auf die Gesellschaft ausgerichtete Erscheinungsbild zur Geltung bringen. Der Körper selbst bleibt - abgesehen von den sichtbaren Teilen - von diesem Sauberkeitsbegriff unberührt. Man achtete lediglich darauf, daß die Kleidung äußerlich »anständig« und »ordentlich« aussieht, ein ursächlicher Zusammenhang zwischen körperlicher Reinigung und Bekämpfung des Ungeziefers wurde nicht festgestellt. Das Ungeziefer galt als Anzeichen eines inneren Ungleichgewichts, die kriechenden Lebewesen kamen nach der herrschenden Lehre durch die Haut und die Ausbreitung der Parasitenfauna der Läuse und Flöhe wurde auf einen Überschuß an Körpersäften zurückgeführt. Diese Theorie einer organischen Störung war die Ursache dafür, dass die »Zusammenhänge zwischen Ungeziefer und Sauberkeit« erst sehr viel später erkannt wurden.